Modern Languages and Literatures, Department of
Title
Zwischen Himmel und Erde: der junge Friedrich Hölderlin und der württembergische Pietismus
Document Type
Article
Date of this Version
September 2007
Wir schließen also, daß die These, Hölderlin habe chiliastisches Denken
von frühauf von seiner pietistischen Umgebung aufgenommen, wohl revisionsbedürftig
ist. Obwohl sich die Möglichkeit einer solchen Vermittlung
anhand der Köstlin'schen Predigten feststellen läßt, scheint das
dualistische Zeitmodell viel tiefere Wurzeln ins Bewußtsein des jungen
Dichters geschlagen zu haben als chiliastische Vorstellungen. Wenn
Köstlins Predigten und Hillers 'Liederkästlein' für die pietistischen
Quellen, mit denen Hölderlin während seiner Kindheit und Jugend in
Berührung kam, repräsentativ sind, so kann diese 'Beobachtung nicht
überraschen, denn in beiden Fällen kommt das dualistische, auf das Jenseits
gerichtete Zeitmodell insgesamt viel häufiger und nachdrücklicher
vor als das chiliastische. Hölderlin muRte sich im Laufe seiner Tübinger
Zeit vom pietistisch-lutherischen Einflug dieses dualistischen Zeitmodells
befreien, um wohl auf anderen Wegen ein rein immanentes Zeitmodell
zu finden.
Ähnliches läßt sich für den pietistischen Einfluß im allgemeinen auf
den jungen Hölderlin konstatieren. Auch dieser scheint sich auf die bekenntnisnahe,
kirchenpolitisch verträglichere Form des Pietismus beschränkt
zu haben, die etwa von Nathanael Köstlin praktiziert wurde,
wo neben der Heiligung auch lutherische Rechtfertigungslehre und Anthropologie
betont wurden. Hinweise auf das spekulative Denken
Oetingers und Philipp Matthäus Hahns fehlen im Frühwerk; stattdessen
finden wir hier Ideen, die diesem entgegengesetzt sind: die Vorstellung
der ewigen Verdammnis der Ungläubigen und eine dualistisch strukturierte
Denkart, die sich in der Gegensätzlichkeit zwischen ,HimmelG und
‘Erde' zeigt. Durch den Einflug Klopstocks nimmt Hölderlin theologische
Vorstellungen in seine Dichtung auf, die ihn aber von allen Formen
des württembergischen Pietismus entfernen. Auch in der Tendenz, Begriffe,
die im pietistischen Sprachgebrauch von kirchlichen Institutionen
und Bekenntnissen festgeschrieben waren, auf säkulare Gegenstände -
insbesondere die Dichtung - zu übertragen, nimmt Hölderlin Impulse
aus der zeitgenössischen Dichtung auf. Wenn maq in diesem Zusammenhang
aufgrund der Anklänge an pietistischen Sprachgebrauch
nur auf die Kontinuität zwischen Hölderlin und dem Pietismus hinweist,
übersieht man dabei die wichtigen begrifflichen Divergenzen, die
sich vor allem im Hinblick auf die Kirche als institutionalisierten Verwalter
der ‘Himmelsgaben’ auftun.
Meine Analyse beschränkt sich weitgehend auf Hölderlins Schulzeit;
was sind aber die Implikationen für unser Verständnis der nachfolgenden
Dichtung? Wenn wir den Einfluß der theosophischen Pietisten auf
Hölderlin vor der Tübinger Zeit ausschlieRen können, so darf die große
Wende in seinem Denken am Ende der Tübinger Zeit von einer dualistischen
zu einer Ganzheitsphilosophie des hen kai pan nicht auf die
pietistische Umgebung seiner Kindheit zurückgeführt werden. Eine Beschäftigung
mit den schriften Oetingers und Hahns während der Tübinger
Zeit ist nirgendwo belegt, kann aber natürlich auch nicht ganz
ausgeschlossen bleiben. Wo aber andere Quellen vorliegen, die Hölderlin
bekanntlich gelesen hat und die ihm auch Anstöße in diese Richtung
hätten geben können, da wird es gut sein, diese bei der schwierigen Rekonstruktion
seines Denkens heranzuziehen, wie es ja auch schon verschiedentlich
geschehen ist.

Comments
Published in Hölderlin-Jahrbuch. Begründet von Friedrich Beißner und Paul Kluckhohn. Im Auftrag der Hölderlin-Gesellschaft herausgegeben von Michael Franz, Ulrich Gaier und Martin Vöhler. Fünfunddreißigster Band, 2006-2007. © Hölderlin-Gesellschaft, Tübingen, und Edition Isele, Eggingen 2007.