Centre for Textile Research

 

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2017

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Citation

In Textile Terminologies from the Orient to the Mediterranean and Europe, 1000 BC to 1000 AD, ed. Salvatore Gaspa, Cécile Michel, & Marie-Louise Nosch (Lincoln, NE: Zea Books, 2017), pp. 404-412.

doi:10.13014/K28K7773

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Copyright © 2017 Salvatore Gaspa, Cécile Michel, & Marie-Louise Nosch. Photographs copyright as noted.

Abstract

Wenn man sich als historisch-vergleichender Sprachwissenschaftler mit einem speziellen realienkundlichen Thema einer ausgewählten Epoche einer altindogermanischen Sprache beschäftigt, so ist man aus Erfahrung darauf gefasst, dass Informationen zumeist lückenhaft vorhanden sind und die Erschließung der Texte mit den unterschiedlichsten philologischen und linguistischen Schwierigkeiten verbunden sein kann. Trägt man das Erkenntnisinteresse textilterminologischer Fragestellungen an den ältesten indischen Text, den Rigveda (RV), heran, liegt es schon an der Textsorte der für rituelle Zwecke bestimmten sacerdotalen Dichtung, dass Informationen zur handwerklichen Praxis des Webens allenfalls verstreut, beiläufig und dann vor allem in poetischen Metaphern den vedischen Hymnen zu entnehmen sind. Aber gerade der Befund der – wie gezeigt werden soll – ausgebauten Metaphorik beweist den „Sitz im Leben“ dieses Handwerks in dieser Zeit; der hohe Stellenwert und die weit verbreitete Kenntnis der Kunst des Webens ist ohne Zweifel eine Voraussetzung für ihren Gebrauch in Metaphern, die ja bei nicht vorhandenem Verständnis ihre Wirkung verfehlt hätten. So kann auch keine Spezialuntersuchung, die sich mit der Textilterminologie im Altindischen beschäftigt, diesen Aspekt außer Acht lassen. In seiner Untersuchung Weben und Flechten im Vedischen Indien bietet Wilhelm Rau1 zunächst einen klar strukturierten Überblick über das einschlägige Vokabular, das er folgenden Bereichen zuordnet: Rohstoffe; Aufbereitung; Spinnen; Weben; Namen für Kleidungsstücke; Flechten. Bereits innerhalb dieser onomasiologischen, im Sinne der „Wörter- und Sachenforschung“ präsentierten Betrachtungen ist es oft unvermeidlich, die metaphorischen Gebrauchsweisen der einzelnen Termini zumindest zu erwähnen; zudem beschließt Rau seinen Aufsatz mit einer kurzen Betrachtung zur indischen Geistesgeschichte: Sieht man die Textilterminologie von einem anderen Blickwinkel als dem des Handwerks, kann man einiges über die Selbstauffassung altindischen Denkens lernen. Es ist sicher kein Zufall, dass manche Termini, die in der frühen Philosophie eine Rolle spielen, und vor allem solche, die als Bezeichnung für wissenschaftliche Texte dienen, aus der Sprache der textilen Technik stammen: grantha-, ein Nomen zur Verbalwurzel grath-/ granth- „knüpfen, binden, verbinden“ bedeutet also nicht nur „das Binden“ oder (konkretisiert) „Knoten“, sondern bezeichnet auch eine kunstvolle Verskomposition (vorwiegend den śloka-Vers mit 32 Silben), eine wissenschaftliche Abhandlung oder ein beliebiges literarisches Produkt. - tantra-, eine Ableitung zur Wurzel tan- „spannen, dehnen“, einerseits der Aufzug eines Gewebes, die Webkette, ist aber vor allem in seinen vielen übertragenen Bedeutungen bekannt: ausgehend vom Bild der „Hauptsache“, dem „durchlaufenden System“, einer Norm oder Lehre steht es eben für Regeln, Theorien bzw. wissenschaftliche Abhandlungen, die in mündlicher Tradition oder in schriftlicher Fixierung als Texte überliefert sind.