Centre for Textile Research

 

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2017

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Citation

In Textile Terminologies from the Orient to the Mediterranean and Europe, 1000 BC to 1000 AD, ed. Salvatore Gaspa, Cécile Michel, & Marie-Louise Nosch (Lincoln, NE: Zea Books, 2017), pp. 250-255

doi:10.13014/K2PV6HJJ

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Copyright © 2017 Salvatore Gaspa, Cécile Michel, & Marie-Louise Nosch. Photographs copyright as noted.

Abstract

Die Vorlage und das Studium römischer Bleitesserae, das in den letzten Jahren einen beachtlichen Aufschwung erlebt hat,1 lieferte gerade für die kaiserzeitliche römische Textilwirtschaft viele neue Einsichten. Dazu zählen neben dem in diesem Wirtschaftszweig tätigen Personenkreis vor allem die Herstellung, Verarbeitung und Vermarktung von Textilien, ihre Bezeichnungen und auch Preise in verschiedenen Provinzen des Imperiums. Trotz aller neuer Erkenntnisse bleibt auf diesem Feld aber noch viel zu tun: die Lesung der Texte ist häufig nicht gesichert, die inhaltliche Deutung auch wegen der häufigen Verwendung von Abkürzungen schwierig, dazu kommt noch die verstreute und oft nur schwer erreichbare Publikationsform. Dass sich trotz dieser Umstände immer wieder neue Erkenntnisse gewinnen lassen, soll in folgendem Beitrag sichtbar werden.

Eine bislang nicht verstandene Abkürzung, die aber in vielen Täfelchen, so aus Flavia Solva, Kalsdorf, Virunum, Iuvavum, Aelium Cetium in der Provinz Noricum, aus Carnuntum7 in Pannonien oder Nemetacum (heute Arras in Frankreich) in der Belgica immer in gleicher Form begegnet, beginnt mit den Buchstaben PAS. Eine bisherige Deutung verstand dies als Abkürzung von p(aenul)as, Akkusativ Plural von paenula, ein Kapuzenmantel. Diese Auflösung ist aber sprachlich völlig ausgeschlossen, wie schon öfter moniert wurde. Lateinische Abkürzungen mit einem Anfangsbuchstaben und folgender Endung (Kontraktionsabkürzungen) begegnen zuerst in christlichen Texten des Mittelalters, vornehmlich bei Heiligennamen.11 Eine alternative, sprachlich und inhaltlich befriedigende Deutung liegt bislang nicht vor. Ich möchte an dieser Stelle eine solche vorschlagen. Den entscheidenden Schlüssel dazu liefert ein literarischer Text aus dem späteren 4. Jh. n. Chr., der in Oberitalien oder Südgallien entstanden ist, die sogenannte Cena Cypriani.12 In dieser Bibelparodie oder besser Parodie der Bibelauslegung werden in Anlehnung an die Hochzeit zu Kana die Gäste des Königs, Personen aus dem Alten und Neuen Testament, für diesen Anlass neu eingekleidet. Katalogartig werden 37 speziell gefärbte, aus diversen Rohstoffen hergestellte, besonders zugerichtete oder für eine bestimmte Verwendung vorgesehene Kleider aufgelistet. Da dieser spätantike Text bislang von der Textilforschung, insbesondere der Textilfarbenkunde, erstaunlicherweise nicht ausgewertet wurde, soll er in seiner vollen Länge vorgestellt werden (Cena 44-66):